modeblog aus kassel

modeblog aus kassel

Heute bekenne ich mich schuldig. Ich offenbare euch eine wirklich ätzende Seite an mir. Eine, welche mir in letzter Zeit wieder vermehrt aufgefallen ist. Ich suhle mich gern in dieser Eigenschaft und suche Verbündete. Gemeinsam gleichen wir unsere Ansichten ab und finden immer wieder Bestätigung. Ja genau, es geht um Klischees. Wir alle kennen sie und irgendwie hat man tatsächlich feste Bilder im Kopf, die einem sofort ins Gedächtnis hüpfen, hören wir einen bestimmten Begriff. So denken wir bei Franzosen an gestreifte Shirts, Baguette und den Eiffelturm. Über uns Deutsche herrscht oftmals die Meinung, wir alle seien eingefleischte Ur-Bayern, die „Weißworscht“ essend auf dem Oktoberfest in Lederhosen tanzen und Amerikaner zeichnen sich vor allem durch ihre Oberflächlichkeit und aufgesetzte Freundlichkeit aus. Und selbst anzunehmen, dass viele von uns in dieser Weise denken, ist in gewisser Hinsicht schon wieder ein Vorurteil und somit nicht weit ab vom Stereotyp. Ich gebe gern zu, dass ich mich sehr leicht dazu verleiten lassen, in diesem Muster zu denken und es ärgert mich, dass ich Menschen oft in eine Schublade schiebe, obwohl ich von mir selbst erwarte, ein unvoreingenommener, offener Mensch zu sein. Daher schreibe ich diesen Beitrag als kleinen Denkzettel an mich und nehme euch mit auf die Reise durch meine vorurteilbehafteten Gedankengänge. Das alles in der Hoffnung mich selbst ein bisschen davon zu heilen.

Meine liebsten Klischees (vom Mio Mio Mate liebenden Studenten, bis hin zum Ü30-Augenbrauen-Piercing-Automechaniker)

„Ach da kommt sie ja wieder“ denke ich mir in der überfüllten Vorlesung. Ich sitze eingequetscht, froh darüber noch einen Sitzplatz erhascht zu habe, irgendwo ganz hinten im Hörsaal und lasse den Blick schweifen. Vor mir nimmt ein Mädel mit Dreadlocks Platz. Sie hat eine selbstgedrehte Zigarette hinter ihr Ohr geklemmt und trägt übergroße Kleidung. Eine Hose, die im Schritt fast auf den Boden hängt und eine selbstgehäkelte Mütze. „Fehlt nur noch das Mio Mio Mate und das Vollkornbrot“ denke ich mir und lächle befriedigt, als besagte Kommilitonin endlich das beliebte Getränk zu Ledermäppchen und Drehtabak auf den Tisch legt. Ich weiß nicht mal, warum ich mich freue. Fühle ich mich in meiner Menschenkenntnis bestätigt? Oder finde ich es toll, dass alle Menschen scheinbar einem Schema entsprechen? Ich verwerfe den Gedanken und schlendere nach der Uni noch durch die Stadt. Neulich hatte ich ein Gespräch über diese „typischen 2000er Jahre Typen“ , diese die irgendwie im vergangenen Jahrzehnt hängen geblieben sind. Sie lieben Tribalshirts, Augenbrauenpiercings, blond gefärbte Haarspitzen (oder gleich die richtige Scooter Frisur) und fachsimpeln liebend gern über ihren getunten Polo. Wir lachen und sehen unseren neu erstellten Stereotypen als bestätigt an. Irgendwie verbindet es ja auch, so etwas gemeinsam festzustellen. Umso mehr ich darüber nachdachte, umso mehr fand ich.

„Alle Kunststudenten lassen ihr Studium schleifen“
„Alle Männer hassen einkaufen

„Alle Rentner lieben grau-beige Jacken und Gartenzaungespräche“
„Alle BWL’er sind arrogante Schnösel“
„Alle Lehrer benutzen braune, abgegriffene Lederumhängetaschen“
„Alle Veganer sind grüne-Filzjacken-tragende Überökos“ 

STOPP.

modeblog aus kassel_sonntagspost_kiamisu_kim ahrens_klischees

Der Spieß dreht sich um – wie ich selbst zum Opfer von Klischees wurde

Das Schubladendenken nichts Tolles ist, wissen wir wohl alle. Trotzdem belustigen uns Klischees und niemand ist frei davon. Doch als ich am eigenen Leibe erfuhr, was es bedeutet schnell abgefertigt zu werden, kamen meine Gedanken ins Rollen. „Ja, als Blogger macht man ja nicht viel, außer ein paar Fotos schießen und kriegt dann dafür Geld. Das muss ich jetzt auch mal anfangen! HA-HA-HA“ tönte es aus seinem röhrendem Sprechorgan. Ich saß ihm gegenüber und war so wütend, dass ich nichts Sagen konnte. Wow, das hatte ich schon lange nicht mehr. Früher kamen mir in solchen Situationen dann übrigens aus Wut die Tränen. Immerhin das hatte ich unter Kontrolle. Doch es war trotzdem geschehen. Ich landete in einer Schublade. Der junge Mann „wusste“ durch Internet und TV, dass einige Instagrammer durch ihre Fotos tausende von Euros verdienen können und schloss von diesem Beispiel auf alle. Auf die gesamte Bloggerszene. Und konnte man es ihm übel nehmen? Meinte er diesen Vorwurf böse? Als Antwort lachte ich nur und sagte scherzhaft „Ja mach doch mal! Bin schon gespannt auf deine Bilder“ Im Nachhinein ärgere ich mich darüber. Denn ich hätte ihn aufklären können. Nicht vorwurfsvoll, sondern ganz freundlich. Ich hätte verhindern können, dass sich ein Klischee verfestigt und weiter verbreitet. Nun bin ich schlauer.

Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung – ich sage meinem Schubladendenken den Kampf an

Vermutlich musste mir durch diese Begegnung erst einmal ein Spiegel vorgehalten werden, um mich von meinem Einheitsdenken zu befreien. Klischees machen nämlich faul und sie nehmen die Chance auf Neues. Denn mal ehrlich: Wer meint schon alles über einen Menschen zu wissen, ohne mit ihm gesprochen zu haben, ist überheblich. Und ich war oft überheblich. Doch schon ein näherer Blick in mein Umfeld hätte mich aufrütteln können. Mein Freund ist Kunststudent und zu jeder Zeit voll motiviert. Meine beste Freundin studiert Lehramt und hält Abstand von braunen Lederumhängetaschen. Ein guter Bekannter studiert BWL und ist einer der nettesten Menschen, die ich kenne. Und meine Mutter schaut sich auf dem Stadtfest gern die Stände mit selbstgehäkelter Kleidung an, ohne sich vegan zu ernähren. So oft viele Klischees auch zu treffen, mindestens genauso oft tun sie es nicht. Und jeder Mensch birgt viel mehr Facetten, als auf den ersten Blick ersichtlich sind. Daher habe ich mir fest vorgenommen, mein Denken das Nächste mal gleich im Keim zu ersticken und abzuwarten. Sonst heißt es am Ende noch, ich sei eine dumme Blondine.

modeblog aus kassel_sonntagspost_kiamisu_kim ahrens

Hui, ich hoffe mein Schuldbekenntnis hat euch nicht all zu sehr schockiert! Wie steht ihr denn zu dem Thema „Klischees“? Gibt es Situationen in denen ihr auch schnell in Klischees denkt? Schreibt es mir gern in die Kommentare!

Jeans: *GANG Fashion

Share on

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

15 thoughts on “Mein Schuldbekenntnis: Ich denke in Klischees

  1. Ein wirklich sehr gut formulierter Beitrag. Meine Rede! Ich versuche nicht in Schubladen zu denken, tue es aber trotzdem. Hin und wieder ertappe ich mich dabei. Fühle mich schlecht. Doch ich weiß, ich kann an mir arbeiten und besser werden. Selbst eine Besserung ist ein Schritt in die richtige Richtung. Von null auf hundert geht nicht, also Schritt für Schritt. :)
    In diesem Sinne, einen schönen Sonntag. :)

    1. Hallo Suse =) Vielen Dank! Ich denke, es ist auch nicht ganz abzustellen, in Schubladen zu denken. Aber sobald man sich ertappt und versucht es zu ändern, ist ja schon viel gewonnen :) Finde es toll, dass du das auch versuchst ! Dir auch noch einen schönen Restsonntag <3

  2. Ohne Schubladendenken geht es nicht. Es ist ein Denkmuster was man früher zum überleben gebraucht hat (heutzutage haben sich die Gefahren geändert).

    Letztendlich muss man gucken, welche Schublade man neu überdenken/bewerten muss.

    1. Hey Christiane :) Stimmt ! Ohne ist es schwierig und es hilft beim einschätzen verschiedener Situationen. Man darf sich dadurch nur nicht komplett vereinnahmen lassen :)

  3. Haha, der letzte Satz ist super :D
    Ja, Schubladendenken kann sehr sehr gefährlich sein. Ich fahre am besten damit, dass ich mir immer ziemlich viel Zeit lasse, bevor ich jemanden beurteile. Am besten lernt man Menschen in schwierigen Situationen kennen – oft kann man erst da sagen, wie der Charakter des Menschen WIRKLICH ist :)
    lg
    Esra

    http://nachgesternistvormorgen.de

    1. Das ist wirklich die beste Möglichkeit solchen Vorurteilen vorzubeugen :) Und mit den schwierigen Situationen hast du absolut recht. Auch wenn man länger Zeit mit jemanden verbringt (z.B Urlaub) lernt man den Mensch es richtig kennen..

  4. Dieses Schubladendenken ist mir extrem zuwider, aber wie Du schreibst, Niemand ist frei davon, leider… Als ich heute deinen Blog entdeckt habe und gleich als Überschrift „Modeblog aus Kassel“ gelesen habe, war mein erster Gedanke „Mode und Kassel, wie passt das zusammen?“. So sehr ich mich dagegen wehre, auch ich denke oft in Klischees. Ich bin immer wieder froh, wenn Jemand, wie Du, Klischees widerlegt und zeigt auch Kassel kann modisch sein! Also das nächste mal den Typen tatsächlich aufklären und erzählen, das Bloggen mehr als nur schöne Fotos ist und das auch schöne Bilder einen Haufen Arbeit bedeuten.

    Oh und ich liebe Deinen Look auf den Fotos! All Black geht immer :)

    Viele Grüße
    Stephie

    1. Hallo Stephie :)

      da hast du recht, leider ist tatsächlich niemand ganz frei davon. Das mit dem „Kassel und Mode“ Vorurteil kann ich gut nachvollziehen :D ist ja wirklich nich gerade die Modehochburg :D Schön, wenn ich da das Gegenteil beweisen konnte :)

      Vielen Dank also ♥

  5. Wichtig ist immer, dass man sich seiner „Vorurteile“ bewusst ist und sie vielleicht, wenn man sich mal wieder dabei ertappt, nochmal hinterfragt.
    Und manchmal verhält sich jemand von dem man in Klischees gedacht hat dann doch ganz anders als erwartet und dann ist es doch auch schön, wenn man nochmal überrascht wird. ;-)

    Alles Liebe
    Tess

    wwww.tessis-world.com